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«Innere Organe sind wertvolle Kunstwerke»

By October 18, 2021 No Comments
Portrait Interview KSA Bauchkampagne

Tar­ja Zingg im Gespräch mit dem Kan­ton­sspi­tal Aarau (KSA): Über die gemein­same Kam­pagne «Rund um den Bauch», die Schön­heit des Darms, inno­v­a­tive Ansätze und darüber, wann es sich lohnt, ein Risiko einzugehen.

KSA: Tar­ja Zingg, ein Jahr lang haben Sie sich mit Ihrem Team inten­siv mit den Bau­chor­ga­nen befasst. Wie gefällt Ihnen der Darm?
Tar­ja Zingg: Ich bin begeis­tert von sein­er Schönheit!

Was begeis­tert Sie daran?
Nicht nur die Ober­fläche, son­dern was er alles leis­ten kann, fasziniert mich. Er ist ein Wun­der­w­erk der Natur! Bau­chor­gane wer­den oft als «grusig» emp­fun­den: Bei einem real­is­tis­chen Foto schaue ich lieber weg. Wird der Darm aber kun­stvoll dargestellt, nehme ich ihn als attrak­tiv und inter­es­sant wahr – das ist der Grundgedanke der Kam­pagne, die wir in Zusam­me­nar­beit mit dem KSA und dem Spi­tal Zofin­gen umge­set­zt haben.

Die Leber in der Plakat-Kam­pagne sieht aus, als hätte Rem­brandt sie gemalt, der Magen kön­nte von Andy Warhol stam­men. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Über Krankheit­en der soge­nan­nten Bau­chor­gane spricht man nicht gerne. Wer mag schon von sein­er Stuh­linkon­ti­nenz oder seinem Reflux erzählen? Diese Scham führt oft dazu, dass Leute nicht oder zu spät zum Unter­such gehen. Wir woll­ten aus dem Tabu Hin­guck­er machen, die für Gesprächsstoff sor­gen und die Men­schen emo­tion­al abholen. Anfangs geht das am besten über Far­ben und For­men, die Aufmerk­samkeit erre­gen – indem wir die inneren Organe als wertvolle Kunst­werke abbilden, was sie ja auch sind. Man muss ein­fach hin­schauen, weil es irri­tiert und Fra­gen aufwirft. Zum Beispiel, ob Warhol tat­säch­lich einen Magen gemalt hat.

Hat er?
(Lacht) Nein, sämtliche Bilder haben wir in der Agen­tur am Com­put­er selb­st ent­wor­fen und gestaltet.

Reicht es, wenn die Leute die Plakate betrachten?
Die Plakate fungieren als Türöffn­er. Die Strate­gie dahin­ter: Erst bre­it Aufmerk­samkeit weck­en und berühren, dann in die Tiefe gehen. Das ist auch die bud­get­fre­undlich­ste Lösung, da wir mit den Bildern sehr viele Leute mit wenig Aufwand erre­ichen kön­nen – eine Voraus­set­zung dafür, dass sie sich über­haupt mit dem The­ma befassen. Als Ökonomin will ich aus jedem Franken das Max­i­mum her­aus­holen, beson­ders, wenn es sich um öffentliche Gelder handelt.

Was heisst «in die Tiefe gehen» konkret?
Wer sich einen Darm genauer anschaut, begin­nt sich eher für die Funk­tio­nen zu inter­essieren. Und wer sich inter­essiert, informiert sich gründlich­er – etwa auf unser­er Microsite, im Mag­a­zin, das am 26. August erscheint, oder den Social-Media-Kanälen wie Face­book, LinkedIn und Insta­gram, alles Bestandteile der Kampagne.

Was kann diese ver­tiefte Infor­ma­tion im besten Fall bewirken?
Zum Beispiel, dass jemand real­isiert, wie wichtig eine Darm­spiegelung ab 50 Jahren für die Früherken­nung von Darmkrebs ist. Oder dass die Prob­leme ein­er Stuh­linkon­ti­nenz manch­mal mit ein­er kleinen Oper­a­tion gelin­dert wer­den können.

Bei medi­zinis­chen Kam­pag­nen ste­hen oft Oper­a­tio­nen, Organe in Grossauf­nah­men oder Ärzte im Zen­trum. Wie viel Überzeu­gungsar­beit mussten Sie leisten?
Viel! Als wir die Kam­pagne erst­mals voller Euphorie und mit viel Herzblut den Chefärztin­nen und Chefärzten präsen­tierten, kamen die Reak­tio­nen zügig: Zu unkon­ven­tionell, passt das zu einem Spi­tal, ist es ser­iös genug?

Wie haben Sie reagiert?
Wenn man auf­fall­en und wahrgenom­men wer­den will, muss man ein Risiko einge­hen. Wir von der Agen­tur und die Mar­ket­ing- und Kom­mu­nika­tion­s­abteilung des KSA waren überzeugt vom Konzept und beschlossen, die Kam­pagne in der Prax­is zu testen. Die Rück­mel­dun­gen waren zu 100 Prozent pos­i­tiv. «Endlich mal was Neues», hörten wir etwa von einem Facharzt. Eine Adi­posi­tas-Pati­entin sagte: «Ich habe nicht gewusst, dass mein Darm so schön ist. Der Humor lässt mich meine Scham vergessen.» Damit kon­nten wir schliesslich überzeu­gen und ein Umdenken bewirken. Dass die Ärzteschaft offen und bere­it war, ihre Mei­n­ung zu rev­i­dieren und sich auf unseren inno­v­a­tiv­en Ansatz einzu­lassen, hat mich berührt.

«Rund um den Bauch» ist nun im Raum Aarau und Zofin­gen lanciert. Wer soll sich ange­sprochen fühlen?
Alle zwis­chen 30 und 90 Jahren, Hausärzte, Zuweis­er, Pati­entin­nen und Patien­ten, Ange­hörige – und expliz­it auch Gesunde. Dass die Ziel­gruppe so het­ero­gen ist, bedeutete für uns eine Her­aus­forderung. Ange­hörige ein­er Darmkreb­spa­ti­entin haben andere Inter­essen als eine Per­son mit einem Reflux, eine Hausärztin weiss mehr als ein Patient. In einem ersten Schritt haben wir deshalb die Bedürfnisse der ver­schiede­nen Ziel­grup­pen akribisch zusam­menge­tra­gen und daraus ein Konzept abgeleit­et, das alle anspricht und einschliesst.

Sind erste Reak­tio­nen schon zu Ihnen gelangt?
(Lacht) Noch nicht im Detail, aber die Worte «Stark!» und «Gelun­gen!» sind bere­its mehrfach gefallen.

Die Agen­tur «Lumi­na Health» ist Spezial­istin für Mar­ket­ing und Kom­mu­nika­tion im Gesund­heitswe­sen. Wie sind Sie aufgestellt?
Unser inter­diszi­plinäres Team vere­int Profis aus unter­schiedlichen Gebi­eten – von der Ökonomie über Text, Konzept, Typogra­phie, Philoso­phie, Design bis zu Dig­i­tal Health. Ohne diese viel­seit­ige Exper­tise und eine Lei­den­schaft für wirk­same Kom­mu­nika­tion im Gesund­heitswe­sen wäre eine so kom­plexe Kam­pagne gar nicht real­isier­bar – an «Rund um den Bauch» waren allein von unser­er Seite sieben Leute beteiligt. Dazu kam natür­lich die pro­fes­sionelle Begleitung und Unter­stützung bei der Ausar­beitung und Lancierung der Kam­pagne durch die Ver­ant­wortlichen in der Mar­ket­ing- und Kom­mu­nika­tion­s­abteilung des Spitals.

Welche Idee blieb unverwirklicht?
Eine grosse, gold­ene Darm­skult­pur direkt am Emp­fang des KSA – denn der Darm ist ein echter Hin­guck­er. Doch das hätte unser Bud­get defin­i­tiv gesprengt.

 

Quelle Text: Kan­ton­sspi­tal Aarau

> Ein­blicke ins Pro­jekt «Rund um den Bauch» bekom­men Sie hier

> Oder besuchen Sie die Kam­pag­nen-Web­site für mehr Informationen